Von Volker Seifert
Warum das Monitoring?
Das Auerhuhn zählt zu den symbolträchtigsten Arten unserer Bergwälder — gleichzeitig ist es seit Jahren stark gefährdet. In Deutschland sind die verbliebenen Populationen rar gesät, ihre Lebensräume fragmentiert. Bayern beherbergt den größten Anteil der restlichen Auerhuhn-Bestände und trägt damit eine erhebliche Verantwortung für das Schicksal dieser „Leitart“ montaner Wälder.
Vor diesem Hintergrund startete 2022 ein ambitioniertes, bayernweites Monitoring-Programm, initiiert von der Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF). Ziel ist es, über Jahre hinweg verlässliche Daten zu sammeln — über Population, Verbreitung und Lebensraumqualität des Auerhuhns.
Wie wird erfasst? – Methodik & Ansatz
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Anders als bei klassischen Balzplatzzählungen — die bei Auerhühnern nur eingeschränkt aussagekräftig sind, weil Hennen und junge Hähne sich oft versteckt aufhalten und Balzplätze wechseln — nutzt das Monitoring ein standardisiertes Rasterverfahren. In festgelegten 200 × 200-m-Quadraten werden rund um definierte Probepunkte systematisch Indizien gesucht: Losung, Federn, Sandbadeplätze, Sichtungen. Gleichzeitig wird die Habitatstruktur im unmittelbaren Umfeld erfasst.
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Zwölf Monate nach dem ersten Erhebungsjahr (Sommer/Herbst 2022) stehen erste Ergebnisse fest. Insgesamt wurden 2.632 Stichprobenpunkte ausgewertet.
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Anders als bei sporadischen Sichtungen oder Zufallsfunden liefert diese Methode eine belastbare, wiederholbare Datengrundlage — vergleichbar über Regionen und über die Zeit hinweg. Damit entsteht eine solide Basis für langfristiges Wildtier- und Habitatmanagement.
Erste Erkenntnisse aus dem Feld
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Im ersten Monitoringjahr ergaben sich 304 direkte Auerhuhnnachweise an 228 Inventurpunkten — Federn, Losung, Sandbäder oder Sichtungen.
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Hinzu kamen rund 503 Zusatznachweise außerhalb der definierten Probepunkte, was zeigt: Die Tiere nutzen vermutlich weiter Raum als gedacht — aber oft in unregelmäßigen, schwer fassbaren Mustern.
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Besonders spannend: Manche Monitoringflächen zeigten eine Aktivitätsdichte (Nachweise pro Punkt) von bis zu 53,6 % — ein Hinweis darauf, dass dort offenbar stabile Populationen existieren. Andere Flächen wiesen jedoch Null nach — was für starke räumliche Unterschiede sprechen könnte.
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Die Habitatdaten zeigen: Heidelbeere, lichte Nadelmischwälder mit öffnender Baumstruktur und eine durchlässige Krautschicht sind weiterhin wichtige Bestandteile für Auerhuhn-Habitate.
Bedeutung für Wald und Natur — und für uns
🔹 Auerhuhn als „Schirmart“ und Biodiversitätsindikator
Das Auerhuhn steht stellvertretend für eine ganze Reihe waldlebender Tier- und Pflanzenarten, deren Lebensraum von Strukturvielfalt, Ruhe, Licht und Bodendeckung im Bergwald abhängt: Saproxylen (Totholz-bewohnende) Arten, spezialisierte Vogelarten wie Dreizehenspecht oder Raufußkauz, Insekten der Boden- und Krautschicht etc. Schutz und Förderung des Auerhuhns kommen damit vielen Arten zugleich zugute.
🔹 Orientierung für nachhaltige Wald- und Freizeitnutzung
Die Ergebnisse zeigen, wie sensibel das Auerhuhn auf Störungen reagiert — Freizeitnutzung, hohe Frequentierung durch Tourismus, Forst- und Holzernte, dicht geschlossene Nadelwaldkulturen können rasch zum Ausbremsen der Population führen. Mit verlässlichen Monitoringdaten lassen sich Schutz- und Managementzonen besser planen, Freizeitnutzung lenken und waldbauliche Eingriffe bewusst ausgestalten.
🔹 Grundlage für langfristige Schutzstrategien
Das Monitoring wird alle drei Jahre wiederholt — gekoppelt mit genetischen Untersuchungen, um nicht nur Nachweise, sondern auch Populationsdynamik und –stabilität einschätzen zu können. Damit entsteht erstmals eine belastbare Datenbasis für eine mittelfristige, evidenzbasierte Schutzstrategie.
Warum genau jetzt? – Zeitgeist und Notwendigkeit
Der Wald hat sich stark verändert: zunehmende Isolation der Lebensräume, sukzessive verlassene traditionelle Nutzung, intensiver Freizeitdruck, Klimawandel und dessen Auswirkungen auf Waldstruktur und Nahrungshabitate. Für das Auerhuhn — und viele andere Waldbewohner — bedeuten diese Veränderungen dramatische Risiken. Ein modernes Monitoring kann helfen, rechtzeitig Warnzeichen zu erkennen, Managementmaßnahmen evidenzbasiert anzupassen und den Wald als Lebensraum für Artenvielfalt zu sichern.
Das neue bayerische Monitoring ist dabei mehr als ein „Schutzprojekt“: Es ist ein deutliches Signal — dass Arten- und Biodiversitätsschutz nicht nur im Ausnahmefall passiert, sondern systematisch, wissenschaftlich fundiert und mit Weitblick betrieben werden kann.
Ausblick: Was wir von den kommenden Jahren erwarten können
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Langzeit-Trends: Erst mit mehreren Monitoringzyklen lassen sich Aussagen über Stabilität, Zunahme oder weitere Abnahme der Population treffen.
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Genetische Daten: Werden helfen einzuschätzen, wie stark die einzelnen Teilpopulationen verbunden oder isoliert sind — entscheidend für Erhaltungsstrategien und mögliche Wiederansiedelungen.
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Management-Maßnahmen: Auf Basis der Daten können gezielt habitatschützende Maßnahmen entwickelt werden — z. B. Auflichtung statt Vorratswald, Rückzugszonen in sensiblen Zeiten, Rücksicht auf Bodenvegetation und Wintereinstände.
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Öffentlichkeits- und Freizeitlenkung: Sensibilisierung für schonende Freizeitaktivitäten — Nachtwanderungen, Schneeschuh- oder Skitouren in sensiblen Lebensräumen können dann bewusster gesteuert oder ausgeschlossen werden.
Das Auerhuhn-Monitoring in Bayern zeigt, wie moderner Artenschutz heute aussehen kann – mit systematischer Datenerhebung, fundierter Methodik und klarer Verbindung zwischen Wissenschaft, Forstwirtschaft und Gesellschaft. Es ist ein Leuchtturmprojekt — nicht nur für das Auerhuhn, sondern für den Erhalt montaner Waldbiodiversität insgesamt. Was jetzt zählt, ist Geduld, Konsequenz und der Wille, aus Daten Verantwortung zu gestalten.